Du verschwendest deine Zeit.
Das ist die Behauptung, die mir Tag für Tag gesprochen, wie geschrieben, gebrüllt, geflüstert, getwittert oder gar mit stummer Geste verständlich gemacht wird. Ich verschwende meine Zeit. Mitnichten geht es da prinzipiell um dieses sonderbare Hobby der digitalen Unterhaltung an sich, denn schließlich muss ich mir die Vorwürfe von jenen gefallen lassen, die sich ebenso regelmäßig damit beschäftigen. Vielmehr nimmt der potentielle Anteil beabsichtigter Überzeugungskraft mit dem Alter und der jahrelang herangezüchteten Erfahrung zu. Seltsam, ich habe immer geglaubt, je mehr digitale Welten man erlebt hat, desto eher könnte man mich nachvollziehen.
Denn mir fehlt das Verständnis. Ganz offensichtlich, denn man reibt es mir bei jeder Gelegenheit unter die Nase. Manchmal schwingt etwas Sarkasmus mit, manchmal etwas Besorgnis, jederzeit aber der Zweifel an meinem guten Geschmack. Der gute Geschmack also. So etwas wie die Quintessenz aller positiven Meinungen und Eindrücke von selbsternannten Experten. Für die ist es jedoch ein Dorn im Auge, dass man sich gerade um den so fürchterlich gut streiten kann. Oder schlecht streiten kann. Das liegt im Ermessen des Betrachters, ganz und gar wie der Geschmack selbst, von dem alle reden. Eine Rolle spielt es in meinem Fall offenbar nicht, denn den Geschmack, den Guten, habe ich angeblich verloren.
Dabei habe ich nie behauptet einen guten, einen über alles stehenden zu haben. Zutreffender wäre: Ich habe meinen eigenen. So wie jeder andere Mensch auch. Einen ganz individuellen Geschmack, über den man herrlich streiten kann. Sage ich das, werden Hände über den Kopf geworfen. Die Stirn wird gerunzelt; vorwurfsvoll wird über den Brillenrand geblickt, so dass unweigerlich ein zweites Kinn wächst. Du kannst das ja unmöglich ernst meinen. Sag ich ja, du hast keinen blassen Schimmer.
Dann gebe ich auf. Früher war ich frustriert darüber; regelrecht verärgert, weil man meine Ansichten nicht respektiert, auf ihnen rumtrampelt und sie verhöhnt. Nach einer Zeit war mir das aber letzten Endes egal. Welche Rolle spielte es schon? Also wendete ich mich weiter den Spielen zu, die so gar nicht als sinnvoller Zeitvertreib galten. Selbst mitspielen, gar über die Schulter blicken, das wollte dann keiner. Aber andere davon zu überzeugen, das wurde nach einer Zeit sekundär.
Aber die Frage nach dem Warum keimte in mir auf. Warum nicht direkt zu den hochgelobten Werken greifen, für die sich alle Welt begeistert? Warum in die Nische greifen und eine Enttäuschung riskieren? Vielleicht sogar absichtlich etwas Aufmerksamkeit zu schenken, was den Selbsternannten so gar nicht gefiel? Auf ihnen herum trat, sie vielleicht beleidigte, oder sogar ihr Nervenkostüm in Flammen setzte? Warum eine Enttäuschung riskieren, wenn andere dir helfen wollen, sie zu vermeiden?
Überlegt habe ich. Lange überlegt. Viele gute Spiele habe ich gesehen, und viele schlechte Spiele. Aber das Maß für Gut oder Schlecht – so habe ich nach und nach festgestellt – richtet sich nicht nach den Kriterien, die man mir von links und rechts versucht auf die Nase zu binden.
Der Charakter, so habe ich festgestellt, ist mir am wichtigsten.
Der Charme. Die Aura. Die Persönlichkeit. Die Seele.
Sie ist nicht abhängig davon, wie abwechslungsreich sie sich zeigt, wie gut sie zu hantieren ist oder wie viel Kosmetik sie sich aufträgt. Sie ist von ihrer selbst abhängig. Der behauptete gute Geschmack kann sie nicht richtig definieren, die selbsternannten Experten können sie nicht voll begreifen. Die Seele ist nicht für jeden da, aber wer sie mit seinem Herzen entdeckt, beschäftigt sich weiter mit ihr und nimmt etwas für sich in seine eigene auf.
Dieses kleine Geheimnis habe ich für mich erkannt. Und so kann es sein, dass ich jenen, die mir immer im Ohr lagen, eines Tages – während sie auf einem stolz erklommenen Berg gipfeln, der ihnen eigentlich nichts bedeutet – entgegnen werde: Du verschwendest deine Zeit.
Wie denkst Du darüber?
Form Note


2 Kommentar(e)
spielkind
Wenn man deiner Argumentation folgt, dann ist die Seele eines Spiels, oder was auch immer dir am Spiel wichtig erscheint, von dir abhängig. Dein guter Geschmack entscheidet, wie du sie aufnimmst. Sonst wäre diese Eigenschaft wieder “messbar” und der Vorwurf der Zeitverschwendung gerechtfertigt.
Zu Ende gedacht, bedeutet aber jeder stolz erklommene Berg für jeden etwas. Nur lässt Mensch sich eben gerne in Zweifel ziehen, von denen, die es vermeintlich besser wissen.
Jingleball
Wirklich schön geschrieben. Ich hatte auch schon ähnliche Gedanken, um ehrlich zu sein kommen sie auch regelmäßig wieder. Sie treten nahezu in fast allen Themenbereichen auf und wenn man sich dann in das Getümmel mit Gleichgesinnten stürzt, dauert es meist gar nicht so lange und schon geht es wieder los. Manchmal denke ich, es ist besser man bleibt allein mit seinen Gedanken, ob positiv oder negativ. Aber man lebt ja nicht allein auf dieser Welt, ein Dauerzustand kann das ja nicht sein. Es ist auch eher die Art und Weise die mich oft stört, wie die “selbsternannten Experten” mir die Zeitverschwendung kundtun. Es klingt oftmals so, als ob die Welt wohl zu klein ist, für viele unterschiedliche Meinungen. Der Mensch ist seltsam!