Eigentlich sollte an dieser Stelle ein freudiger Erfahrungsbericht über die diesjährige Gamescom stehen, aber stattdessen werdet Ihr nun scharfe Kritik vorfinden. Mein erster Besuch auf einer Spielemesse war eine schwere Enttäuschung. Sie betrifft nicht nur das Spiele-Lineup und die allgemeine Präsentation der Stände, sondern vor allem die Organisation und die Jugendschutzbestimmungen. Ich will gar nicht lange um den heißen Brei reden und komme gleich auf die wesentlichen Kritikpunkte zu sprechen:

Die Besucherführung war offenbar nicht auf den hohen Andrang am Samstag – den mit Abstand meistbesuchtesten Tag der Veranstaltung – vorbereitet. Nicht nur, dass alle Besucher durch einen einzigen Eingang geführt werden mussten, die aus einer handvoll Drehschleusen mit Barcode-Scannern für die Eintrittskarten bestand. Nein, bis man überhaupt zu den eigentlichen Hallen gelangte, musste man erst minutenlang durch Gänge hindurchschländern, die durch ebenso enge Torpassagen führten. Selbstverständlich kam es an diesen Stellen zum Menschenstau, der gerade für die besonders jungen oder besonders alten Besucher nicht sonderlich angenehm sein konnte. Ähnlich eng sah es dann später auch in den Hallen aus. Ab ca. 11 Uhr konnte man sich kaum einen Meter frei bewegen, weil zwischen den Ständen die Gänge für die vielen Besucher nicht breit genug waren. Das hatte dann selbstredend zur Folge, dass man sich zwangsläufig mit dem Strom bewegen musste – und gleichzeitig links und rechts kaum etwas von den Spielen selbst gesehen hat.

Das war in den meisten Fällen aber ohnehin ohne Wartezeit nicht möglich, weil aufgrund der Altersbeschränkungen ca. die Hälfte aller Titel nur hinter verschlossenen Türen für die entsprechenden Altersgruppen gezeigt werden durften. Wer also ein Spiel sehen wollte, das ab 16 oder ab 18 freigegeben war, musste sich an eine lange Schlange anstellen, um eine 5 bis 10 minütige Vorführung oder Probespiel in einem engen Raum von wenigen Quadratmetern erfahren zu können. Bei den allerwenigsten Titeln – etwa “Silent Hill: Shattered Memories” – war das Interesse so gering, dass man die Schlange nach wenigen Minuten bewältigen konnte. Bei den anderen, viel begehrteren Titeln war eine Wartezeit von einer bis zwei Stunden völlig üblich. Die Warteschlangen von “Halo: ODST” oder “Heavy Rain” waren beispielsweise entsprechend lang. Den wohl grössten Andrang gab es jedoch bei dem Blizzard-Stand: Ein armer Messemitarbeiter hielt ein Schild in der Hand, auf dem aufgedruckt war: “Bitte nicht mehr anstellen! Wartezeit von 4 Stunden ab hier!” – und er hatte sich etwa bei der Hälfte der Warteschlange positioniert.
Abgesehen davon, dass kein Videospiel der Welt so wichtig sein kann, dass man sich dafür stundenlang in die Schlange stellen muss, wurde das Jugendschutz-Konzept damit ad absurdum geführt. Gäbe es eine klare Altersbeschränkung für die gesamte Messe, hätten die Entwickler ihre Spiele auch offen auf Leinwänden zeigen können. Wenn auch komplizierter für die Standvermietung, aber sinniger für den Besucher wären Beschränkungen für ganze Hallen gewesen. Meinetwegen auch spezielle Tage nur für Volljährige. So wie es aber dieses Jahr geregelt worden ist, ist es für alle Beteiligten offenbar ein unbefriedigendes Konzept, dass höchstens den Verkaufszahlen der Messekarten gut getan haben wird. Abgesehen davon hat man vor der Messe (oder auch drinnen beim Infostand) schon auf seinen Badge mit der entsprechenden Altersmarkierung warten müssen, die die Alterskontrolle innerhalb der Halle zugegebenermaßen ernorm erleichtert. Doch wo liegt der Vorteil für Leute, die ihre Karten schon Tage vorher gekauft haben, wenn sie bei Ankunft trotzdem warten müssen?
Oh, und warum zeigt man die Spiele hinter verschlossenen Türen, aber die Trailer dazu auf großflächigen Leinwänden? Das ist eine völlig schizophräne Jugendschutz-Regelung! In diesem Zusammenhang fand ich übrigens die Präsenz der Bundeswehr mit ihrem recht aufwendigen Stand inklusive Bühnenshow völlig fehl am Platze. Die Moderatoren traten in Militärkleidung auf und verteilten entsprechendes Merchandise! Auf der Spielemesse neue Soldaten rekrutieren? Would you like to know more … ?

Ebenso nervig war der Lautstärkepegel. Dass es auf einer gut besuchten Messe über Unterhaltungsmedien laut werden würde, war von Anfang an klar. Aber dass sich jeder Stand gegenseitig um jeden Preis in den dB-Zahlen überbieten musste, hat der Gesamtatmosphäre in keinster Weise gut getan. Es ist NICHT werbewirksam und völlig kontraproduktiv, wenn man selbst am anderen Ende der Halle den EA-Stand oder die Pro-Gamer-Veranstaltung noch hören kann. Das macht die Spiele oder das Image der Herstellerfirma um keinen deut besser und bewirkt nur, dass man als Besucher zwangsläufig an die frische Luft will. Leider wars dort auch nicht besser, weil man neben den Imbissständen dann mit basslastigem Minimaltechno penetriert wurde. Kopfhöhrer haben bei dieser Beschallung beim Probespielen übrigens nichts gebracht. Es war generell ohnehin so laut, dass man sein eigenes Wort kaum verstanden hat. Die totale Reizüberflutung ohne Sinn und Verstand.
Positiv hervorheben möchte ich da die Stände von Nintendo und Sony. Sie haben – von den 18er-Bereichen abgesehen – auf viele Laufwege zwischen den Vorführgeräten geachtet und die Lautstärken zum Wohl der einzelnen Spielstationen entsprechend gedrosselt. Generell hat besonders Sony den vielfältigsten und angenehmsten Stand auf der Messe gehabt. Ohne die übertriebene Lautstärke wäre es ansonsten vielleicht der von EA gewesen.

Diese drei Dinge haben mir schon gereicht, um mir die komplette Messe zu versauen und ich würde nächstes Jahr höchstens den Pressetag in Angriff nehmen (den ich dieses Jahr aus zeitlichen Gründen nicht wahrnehmen konnte). Die hohen Besucherzahlen sind erfreulich, aber eine Messeorganisation muss auch entsprechend gerüstet sein. Aber das Lineup war eh nicht so gut wie erwartet: Es gab zwar einige wirklich schöne große Mainstream-Titel zu sehen, aber andere haben es – dem Jugendschutz sei Dank – offenbar nicht auf die Messe geschafft. Auch kleinere Titel gab es kaum. Fast alles, was es zu sehen gab, waren hauptsächlich hochgepushte A-Titel und entsprach dem Informationstand, den das Internet schon vor Tagen preisgegeben hat. Mit anderen Worten: Die meisten Spiele erscheinen ohnehin in den kommenden Wochen und thematisch gab es ebenso meist den üblichen Kram, den wir vor Jahren in ähnlicher Form gesehen haben.

Ob ich Euch wenigstens ein paar spielerische Eindrücke geben kann? Zu vier kleineren Titeln, die ich für bemerkenswert hielt, schon und gern:

Silent Hill: Shattered Memories sieht überraschend vielversprechend aus und ist auf jeden Fall ein Spiel, auf das ich mich jetzt sehr freue. Die Steuerung ist etwas hakelig, aber die audiovisuelle Präsentation ist für einen Wii-Titel beachtlich und das Spielkonzept ohne Kampf ging in den wenigen Minuten, die ich spielen konnte, auf jeden Fall auf. Das wichtigste ist aber, dass vor allem in Bewegung das Szenariowechsel funktioniert: Shattered Memories versteht sich als freies Remake des allerersten Silent Hills und die Entwickler haben sich dazu entschieden die metallene Hölle gegen eine ungemütliche Eislandschaft auszutauschen. Diese sah wirklich sehr gut aus und scheint neben den Gameplayänderungen endlich den lang erwarteten frischen Wind in die Serie zu bringen.

Venetica sieht hingegen nicht so gut aus, wie ich es mir erhofft hatte: Das Art Design ist sehr schön, aber man merkt dem Spiel ansonsten leider sehr an, dass es das erste Actionspiel eines Adventure-Studios ist. Kampfsystem, Kollisionsabfrage, Animation und Steuerung machen noch einen sehr ungeschliffenen Eindruck und lassen hoffen, dass das fertige Produkt zumindest inhaltlich überzeugt.

Motorstorm: Artic Edge sieht im Prinzip so aus wie der große Bruder, und das ist gut. Es wurde offenbar sehr viel Wert darauf gelegt, dass die PSP-Version ein ähnliches Spielgefühl entwickelt wie die große Version. Das merkt man Artic Edge vor allem im Fahrgefühl an und dürfte Fans von Motorstorm sehr gut gefallen. Das neue Szenario in kalten Gefilden ist zudem im doppelten Wortsinne frisch. Ich freu mich drauf!

- Ebenso freuen tue ich mich auf Cursed Mountain. Nachdem es etwas still geworden ist um dieses für die Presse offenbar sowieso nicht sonderlich interessante Spiel, konnte mich von der überraschend hohen Qualität überzeugen. Der Titel sieht für einen Wii-Titel von der technischen Seite wirklich außerordentlich gut aus – was die Architektur betrifft, stellenweise sogar wesentlich besser als das neue Silent Hill. Ebenso scheint das Spiel positiverweise hohen Wert auf eine eher bedächtige Spielgeschwindigkeit zu legen, was der Atmosphäre sicher gut tun wird. Trotzdem fand ich die Bewegungen des Hauptcharakters doch einen Tacken zu langsam. Gerade das Klettern auf Leitern nimmt ungewöhnlich viel Zeit in Anspruch. Von dem Sound habe ich wegen den gegebenen Umständen leider nicht viel mitbekommen.

Soweit zu meinem Eindruck der diesjährigen Gamescom. Auf dem Rückweg habe ich mich darüber geärgert dass ich nicht zuhause geblieben bin und mir die Informationen nicht über die entsprechenden Newsseiten geholt habe. Oder zumindest im Park in der Sonne brutzelte und mir Infos übers Iphone geholt habe. Sollten sich die Regelungen für das nächste Jahr nicht ändern, werde ich die Messe zu den Besuchertagen nicht erneut aufsuchen. Ich bin mir sicher, einige andere Besucher sehen das ähnlich.

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