Manchmal ist das Internet ein Arschloch. Ein fieses dazu. In Spielerkreisen hat dies leider letztes Jahr wohl keine andere stärker am eigenen Leib erfahren müssen als Anita Sarkeesian, die auf Kickstarter eine Aufklärungsreihe über die Rolle der Frau in Videospielen ankündigte – und auf´s Äußerste angegriffen wurde. Die wüsten Beschimpfungen und das generelle Verhalten jener Angreifer wären sicher eine eigene Studie wert. Fakt ist aber: Sarkeesian hat mit ihrem Vorschlag einen wunden Punkt getroffen und sie ist mitverantwortlich dafür, dass eine Erschütterung durch die Community ging. Vielerorts wurde der Sexismus in Spielen diskutiert. Mit mannigfaltigen, größtenteils unbefriedigenden Ergebnissen. Zwischenzeitlich ist der Disput stagniert; die Fronten auf allen Seiten verhärtet. Die Veröffentlichung der ersten von insgesamt zwölf Episoden von „Tropes vs Women in Videogames“ erschien mir daher wie der erhoffte Lichtblick für weiteren Ansporn.

Mitnichten.

Ich halte Anita Sarkeesian für mutig und gewieft. Als ich ihre Serie über Tropes auf Youtube gesehen hatte, war ich überzeugt davon, dass sie in der Lage ist Fakten in komprimierter Form auf den Tisch zu legen; den Status Quo aufzuweisen und Bezüge zu Popkultur und Kulturhistorik herzustellen. Man muss nicht mit ihrer feministischen Einstellung einverstanden sein, um dieses Potential zu erkennen. Mit mehr als 120.000 Euro im Gepäck, mit voller Konzentration auf die Sache ohne persönliche Nebenkommentare: Sarkeesian würde ihre Kritiker mit links liegen lassen und eine neue Grundlage für zukünftige Diskussionen über Sexismus in Games schaffen können.

Eigentlich. Denn den Auftakt habe ich als sehr enttäuschend empfunden und es sollte sich für die restlichen elf Episoden dringend etwas tun. Dabei startet die Episode durchaus kompetent: Sie beginnt mit einem herausragenden Beispiel eines RARE-Spiels für den Nintendo 64, in der ein weibliches Geschöpf die Heldin sein sollte, das Projekt aber auf einen männlichen Charakter umgemünzt wurde: Star Fox Adventures. Die ursprüngliche Protagonistin wird zur Jungfrau in der Not degradiert, was sinnbildlich für viele andere Spiele ist. Als Sarkeesian etwas später den historischen Kontext erläutert, wollte ich in die Hände klatschen: Genau DAS habe ich mir von der Reihe gewünscht. Das viele Spiele sexistisch sind weiß ich. Aber des Pudels Kern ist doch: Warum?

Ab dieser Stelle wird es zunehmend ärgerlich. Wohlgemerkt habe ich zunächst das Script auf dem Blogeintrag gelesen und schon bei den Abschnitten zu Zelda die Augenbraue gehoben: Die Beschreibungen werden zunehmend subjektiver, der Ton verärgerter, ja, fast schon reißerisch, bis Sarkeesian bei Double Dragon nahezu platzt und unsachlich wird. Anschließend habe ich das Video selbst gesehen und die Mimik wirkte gerade im letzten Drittel auf mich, als müsste Anita teils ihre Wut unterdrücken. Keine Frage: Bei diesem Thema reagiert man emotional. Aber wer sich vor eine Kamera setzt und Aufklärungsarbeit versucht, sich vielleicht sogar indirekt einen Bildungsauftrag auf die Fahne geschrieben hat, sollte sich zusammenreißen können. Sarkeesian`s Auseinandersetzung mit Zelda hat Deljla in ihrem Blog gut zusammengefasst und kritisiert.

Grundsätzlich, also die Darbietungsform mal ganz außen vor gelassen, finde ich es inhaltlich aber gut und wichtig. Auf diese Weise aufgezeigt zu bekommen, wie die harte Linie von Nintendo bei der Verwendung von Peach in den Mariospielen aussieht, ist sehr aufschlussreich und ein gerechtfertigter Tritt gegen das Schienbein des ach-so-familienfreundlichen Großkonzerns. Meine grösste Kritik gilt daher dem Format, das in Verbindung mit Sarkeesian´s Charakter problematisch ist: Ich bin mir sicher die Form des trockenen Vortrages ist bewusst gewählt worden, um Gedankengänge ohne Ablenkung referieren zu können (wie auch auf Superlevel angemerkt). In dieser Ausführung ist sie aber ein einziges Ärgernis: Die flotten Einspieler und Schnitte bzw. unterschiedlichen Kadrierungen kompromittieren die Vortragsform. Auf die ich an dieser Stelle offen gestanden jedoch nicht bestehen würde.
Wichtiger ist aber: Für 120.000 Euro wäre eine Alternative und vor allem wesentlich mehr drin gewesen. Selbst wenn man Lebenserhaltungskosten und die Anschaffung von Equipment, als auch Arbeitsmaterial davon abzieht, bleiben mit großer Sicherheit über 100.000 Euro für die eigentliche Produktion „übrig“. Das entspricht etwa dem Budget von Indie Game – The Movie. Für die ursprünglich angepeilten 6.000 Dollar wären fünf Episoden in dieser Form eine große Leistung, bei der letztendlich eingenommen Summe muss aber mehr drin sein als eine aufgewärmte Variante ihrer alten Folgen. Von diesem Budget könnte man viele Reisen zu potentiellen Interviewpartnern finanzieren. Entwickler, Frauenrechtler, Medienwissenschafter. Gerade in Bezug auf die kulturgeschichtlichen Verweise wäre das ein echter Gewinn gewesen, da es aus unterschiedlichen Quellen Fakten untermauen, ja, sogar die Glaubwürdigkeit erheblich steigern würde. Aber nein, stattdessen hockt Sarkeesian mit „feministischen Scheuklappenblick“ allein vor der Kamera und versucht all die Recherche und Wissensvermittlung auf eigene Faust darzubieten.

Solange Sarkeesian allerdings nicht einen Gang zurückschaltet und weiterhin so sehr auf die Kacke haut, tut sie sich und der gesamten Diskussion keinen Gefallen. Es ist fast so, als wolle sie unbedingt die Martyrerin sein. Nach all den Anfeindungen ist das durchaus als Trotzreaktion nachvollziehbar, aber nicht erstrebenswert.