Das Wort Humor ist lat. humor in der Bedeutung von Feuchtigkeit entlehnt. Wahrscheinlich ist es deshalb so, dass der Mensch so unheimlich leicht auf seinem Humor ausrutschen kann. Anfang April rutschten Fabian Siegismund und David Hain mit einem Scherzvideo durch das Netz, in dem sie als Wehrmachtssoldaten verkleidet einen neuen Gamingkanal namens SiegHain bewarben. Frei nach Walter Moers’ Adolf, die Nazisau kündigten die beiden in breitestem deutschen Akzent den Anbruch eines neuen Zeitalter des Spielejournalismus an. Die Provokation hatte Erfolg – der Scherzkanal hatte schon am 2. April über 10.000 Abonnements, die verspielten Vernichtungskriegern werden wahrscheinlich nicht ihr letztes Video aus dem Bunker gesendet haben.

Fabian Siegismund und David Hain sind in der Gamingszene keine Unbekannten. Fabian kennt man noch als Redakteur der IDG-Publikationen Gamestar und High5, David als Chefredakteur von GIGA Games und Hauptverantwortlichen für den Videobereich des ehemaligen Spartensenders. Beide vermarkten aktuell ihre eigenen Inhalte inzwischen über eine Tochter der ProSiebenSat.1 Media AG. Studio 71 betreut auch andere Größen der Gamingszene, wie Gronkh und Sarrazar mit ihrer Show Let’s play together.

An uns – Michael Cherdchupan (Micha) und Michael Herzog (Michi) – ist das Video selbstverständlich auch nicht ohne Diskussion vorbeigegangen. Auf einen Konsens sind wir nach langem Disput nicht gekommen: Unsere Meinungen könnten nicht unterschiedlicher sein.

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Über den Autor

Marketing-Kommunikationswirt. Liebt Silent Hill 3, Hotline Miami & Deadly Premonition.

Also. In einer anderen Zeitlinie haben zwei andere YouTuber – bekannte Produzenten, aber nicht die Liga mit der Milliarde Views – dieses Video ins Netz gestellt. Ich hätte einmal herzlich gelacht, hätte es über die sozialen Kanäle weitergeleitet und ohne tieferen Eindruck meinen Tagesablauf weiter verfolgt. Aus einem einfachen Grund – wäre ich 20 Jahre jünger, hätte dieses Video von meinem besten Bro und mir sein können.

Wahrscheinlich habe ich nie erzählt, wie ich mit 15 beinahe von der Schule geflogen wäre. Von meinem alten, ehrwürdigen Gymnasium. Meinem alten, ehrwürdigen Gymnasium mit dem Dritte-Welt-Café, der aus einer Schülerprojektwoche entstanden ist. Meinem alten, ehrwürdigen Gymnasium mit dem Dritte-Welt-Café (heute würde man wohl von Fair Trade sprechen) und dem Geschichtslehrer, der die Spuren aufarbeitete, welche die Nazizeit in der Stadtgeschichte hinterlassen haben.In meiner Erinnerung besteht der Geschichtsunterricht ausschließlich aus dem zweiten Weltkrieg. Wir haben eine Menge über WW2 gesprochen. Dokumentationen gesehen. Synagogen besucht. Uns angemessen geschämt für die Geschichte. Immer wieder. Es suckte. Es suckte so dermaßen, dass sich mein jugendliches, rebellisches Ich nach einem Befreiungsschlag sehnte. Und so saß ich eines Tages mit meinem besten Freund zusammen und wir scherzten. Dann holte mein Freund Stifte und Papier heraus und begann zu zeichnen. Dann ging es zu Karstadt, wo in einer ruhigen Ecke ein Fotokopierer stand. Damals hatten wir ja noch nichts.


Einen raushauen zu wollen, das verstehe ich. Über den Faschismus lachen zu wollen, das verstehe ich ebenso …

… sonst macht er einen fertig.

Am nächsten Morgen zierte ein neues Plakat die Schulflure. Offiziere in polierten Stiefeln, die sich von ausgemergelten, zerlumpten Gestalten mit Champagner und Kaviar bedienen ließen. Offensichtlich hatte über Nacht ein neuer Schülerprojektladen die Pforten geöffnet – das Dritte-Reich-Café. Die Neunziger waren noch nicht bereit, belassen wir es dabei.

Einfach einen raushauen wollen, das verstehe ich. Über den Faschismus lachen zu wollen, das verstehe ich. Sonst macht er einen fertig.

Doch wir sind nicht in der anderen Zeitlinie. In dieser Zeitlinie haben wir es mit aufgeladenen Personalien zu tun. Fabian Siegismund ist mir bisher noch nicht durch irgendwelche Skandale aufgefallen, aber er scheint daran zu arbeiten. Sein abwechslungsreicher Lebenslauf macht ihn mir erstmal grundsätzlich sympathisch, lässt auf einen interessanten Menschen hoffen. Seinen Bro David Hain kenne ich hauptsächlich durch den Shitstorm um ein gewisses Video, welches in seiner Verantwortung über GIGA verbreitet wurde. Seine Videos um Hintergründe der Spielebranche, wie gekaufte Wertungen oder dem unattraktiven Beruf des Spieleredakteurs fand ich sehr interessant. Puh, wie soll ich eine Aktion dieser beiden verteidigen?

Doch erstmal haben wir noch überhaupt keinen Shitstorm. Der zeichnete sich erst ab, als Superlevel-Chef Stephan Günther das Video mit einer kurzen Bemerkung noch einmal in die sozialen Medien trommelte.

Schlechte Vibrations. Über eine Woche nach dem Aprilscherz? Die Urheber gleich mal als “Hobby-Nazis” einordnen? Das macht der Profi doch nicht aus Versehen. Da trommelt jemand, weil er Regen sehen will. Und der Regen kam.

Ich fühle mich enttäuscht, manipuliert.

Die Meldung war nichtmal einen Tag alt, da drehte ich mich beim Lesen der Kommentare zu meiner Freundin um und fragte sie, ob meine modernen Autorenhelden nicht ein vollkommen spaßbefreiter Haufen sind. Anjin Anhut, dessen Arbeit ich über alles schätze, ließ sich dermaßen provozieren, dass er Fabian Siegismund und David Hain zu apokalyptischen Reitern des seriösen Spielejournalismus hochdämonisierte, die für persönlichen Profit auf den Endsieg der populistischen Idiotie hinarbeiten. Und wo die Fronten so schön klar waren, stimmte auch der Rest der Guten mit ihren Artikeln in den Chor mit ein und schloss die Reihen.

Sorry, aber an dieser Stelle komme ich nicht mehr klar. Ich fühle mich enttäuscht, manipuliert. Dazu spüre ich einen Druck, mich mit einzureihen, einfach nur die Klappe zu halten, um nicht selber auszurutschen und vom Mob niedergetrampelt zu werden. Muss das so sein?

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Über den Autor

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Freiberuflicher Autor und Mediengestalter. Liebt Silent Hill 2, Okami, Nier, Dead Space, Alpha Centauri, Motorstorm Apocalypse, Antichamber & Shadow of the Colossus.

Ich würde meinen Humor als mannigfaltig und flexibel bezeichnen. Brecht oder Jarmusch entlocken mir ebenso ein Schmunzeln wie gut inszenierter Slapstick aus der Feder eines David Zucker. Und auch wenn es unter die Gürtellinie geht, bin ich mir nicht zu schade für schallendes Gelächter, weshalb ich zum Beispiel auch dem Stab der Wahrheit oder sogar ganz, ganz fiesem Humor wie dem von Yaiba noch etwas abgewinnen kann. Ich gebe das gerne und schamlos zu, und Political Correctness muss bei mir nicht immer an erster Stelle stehen. Ja, mein Humor ist mannigfaltig und flexibel.

Zwei Minuten würden schon für ein Statement reichen.

Eben diese zwei Minuten werden für hohlen Klamauk verschwendet.

Satire und Humor darf bei mir also eine ganze Menge, insofern ist die Grundidee des Sieg Hain-Videos nicht der Anstoss meiner Kritik. Die Idee hinter dem Format wird von Pennälerhumor angetrieben, der bestenfalls das mangelnde Taktgefühl, sowie schauspielerische Untalent von Siegismund und Hain eindrucksvoll unter Beweis stellt. Das wäre unter anderen Umständen sicher unterhaltsam, wird aber ausgerechnet hier zum Problem: Satire hat immer ein Ziel, eine Kernaussage, eine Pointe. Sieg Hain hat einen Treppenwitz, der sich innerhalb von wenigen Sekunden verbraucht, ohne dass er irgendwo hinführt. Dabei muss man längst nicht bei Chaplin oder ähnlichen Klassikern suchen, sondern findet sogar bei jüngsten Beispielen, die künstlerisch teilweise weitaus weniger anspruchsvoll sind, eben dieses visuell wie dramaturgisch klar kommunizierte Bestreben nach einer Grundaussage.


Iron Sky etwa, ein hanebüchener Sci-Fi-Trashfilm über Faschisten auf dem Mond, führt der anfänglich noch überzeugten Nazi-Protagonistin die Lügen hinter der Kriegspropaganda vor und bekehrt sie. Zum Schluss verliebt sie sich sogar in einen afroamerikanischen Astronauten.
Das Leben ist schön, ein weitaus anspruchsvollerer Film, konterkariert scheinbar die Schrecken der Judenvernichtung mit überaus deplatziert wirkendem Slapstick, nur um durch diesen starken Kontrast das Grauen sogar noch greifbarer zu machen. Und schlussendlich zu Tränen zu rühren.
Wir können sogar ganz tief in die Trash-Kiste greifen: Uwe Bolls umstrittene Videospielverfilmung Postal zeigt einen makaberen Freizeitpark, wo Kinder mit Merchandise-Nazibinden am Arm zwischen „Concentration Camp-Playground“ und „Dr. Mengele’s First Aid Station“ kichernd Fangen spielen, während die Erwachsenen in Lederhosen und Dirndl ein gutes, deutsches Bier genießen. Der Sensationswert, den deutsche Geschichte heute immer noch für internationale Boulevardblätter hat, wird hier mehr als anschaulich vorgeführt.
Selbst Uwe Boll hatte eine Pointe.

Aber was sagt uns Sieg Hain? Leider nichts. Die zwei Wehrmachtssoldaten sind empört über die aktuellen Kriegsspiele; wollen sich erschießen, als sie von Wolfenstein erfahren. Sie sind dumm. Und weiter nichts. Selbstverständlich sind genannte Beispiele aus dem vorherigen Absatz Spielfilme, die lange Zeit haben ihr Vorhaben zu etablieren, aber selbst zwei Minuten würden für ein eindeutiges Statement reichen. Zwei Minuten, die bei Sieg Hain für leeren Klamauk verschwendet werden. Das wäre ohne Belang, wenn das Thema ein anderes und vielleicht hanebüchen gewesen wäre, aber hier wird ein Stoff aufgegriffen, der differenzierteren Umgang erfordert. Mehr noch: Das Thema schreit nach Verantwortung, nach Erklärungen, auch wenn Letzteres zwischen den Zeilen geschieht. In den Kommentaren zucken die Autoren und Befürworter aber lediglich mit den Schultern und versuchen Kritik mit dem Vorwurf, man habe ja kein Humorverständnis, zu entkräften. Hier wird „einfach nur so“ ein Tabu gebrochen. Einfach nur um zu zeigen, das man es kann. [1]

Hain und Siegismund rufen damit quasi “Hitler”, als würden sie wie auf dem Schulhof peinlich berührt “Pimmel, Fotze, Scheiße, Arsch” rufen, nur um kichernd hinter der nächsten Ecke zu verschwinden, bevor die Pausenaufsicht sie erwischt. Siegismund erläutert in einem Erklärungsvideo, dass sie damit Kriegsspiele hinterfragen wollten, gerade was die fest eingefahrenen Feindbilder betrifft. Ganz ehrlich: Es wäre ja fantastisch, wenn dies gelungen wäre! Gemessen an den bisherigen Erzeugnissen beider Autoren und der daraus resultierenden Erwartungshaltung wäre dies zugegebenermaßen eine große, aber freudige Überraschung. Der Pilot, getarnt als Aprilscherz, zeigt von diesem Vorhaben jedoch nicht die geringste Spur; zumal die hässliche Fratze des Krieges sich gerade in der Gegenwart in komplexen Dimensionen zeigt, denen mit einem einfachem Fingerzeig nicht beizukommen ist.




Die Quellenangaben fehlen.

Vermutlich bewusst.


Aber wisst ihr was? Geschenkt! Es gibt einen speziellen Aspekt, der mich dazu veranlasst meinen Kopf wutentbrannt und voller Wucht auf die Tischplatte zu schlagen: Die Verwendung von realen Kriegsaufnahmen und historischen Fotos! Schon in den ersten fünf Sekunden ist der Kniefall von Warschau zu sehen, und etwas weiter in der Mitte des Clips ziehen die beiden Witzfiguren Grimassen, während daneben authentische Filmszenen eingeblendet werden. Leider war es mir nicht möglich zu erfahren, woher diese Aufnahmen stammen. Die schlechte Auflösung bzw. die Kompressionsartefakte lassen auf ein Video von Youtube oder Archive.org vermuten. Beleuchtung und Handkamera lassen mit hoher Wahrscheinlichkeit auf echte Kriegsbilder schließen – Spielfilme bzw. inszenierte Aufnahmen wurden zu dieser Zeit nahezu ausschließlich vom Stativ gedreht. Obwohl es 1925 bereits erste Experimente gab, wurde die Handkamera  erst später ausführlicher vom Arthouse-Kino erforscht und in den 1960ern zum ersten Mal in Kinofilmen verwendet.

Satire darf alles, da bin ich bei Tucholsky. Aber er hat diese Aussage lange vor dem Holocaust oder der Atombombe gemacht. Ich persönlich würde es daher geringfügig, aber entscheidend einschränken: Satire darf alles – aber um dieses Privileg muss sie kämpfen! Sie muss inszenieren, sich dramaturgisch aufbauen, ein Gesamtbild bieten. “Inszenieren”, das bedeutet, wenn es um historische Bezüge geht: Nachstellen, ggf. verfremden. Die Verwendung authentischer Materialien ist in diesem Zusammenhang nicht nur faul, sondern auch schrecklich pietätlos. Wer auch immer an den echten Aufnahmen von damals beteiligt war – vor, als auch hinter der Kamera: Hain und Siegismund, als auch der Filmer Daniel N. spucken jenen unbehelligt ins Gesicht.

Satire spuckt um sich, auf alles und jeden. Aber es ist ein Mittel, um die Rezipienten wachzurütteln.

Ja, auch Satire spuckt mit giftigem Speichel um sich, aber es ist ein Mittel, um die Rezipienten wachzurütteln. Was im Sieg Hain-Clip geschieht, ist voll und ganz auf die Youtube-Zielgruppe zugeschnitten und rechtliche Schlupflöcher, wie die fehlenden Quellenangaben, werden vermutlich bewusst genutzt, um weitere Recherche zu fraglichen Aufnahmen zu erschweren. Erschütternd finde ich zudem, dass sich Siegismund und Hain offenbar nicht über die Tragweite ihrer Produktion in Anbetracht ihres Publikums bewusst sind: Vornehmlich Jugendliche zwischen 12 und 17 Jahren werden mit den Kanälen beider Moderatoren angesprochen. Was soll nach der hochoffiziell angekündigten Etablierung des Formats Sieg Hain geschehen? Werden T-Shirts gedruckt? Lustige Hüte? Aufkleber mit Reichsadler? Rufen die Kinder dann auf Veranstaltungen wie der Gamescom dann nichtsahnend “Sieg Hain!”, wenn die Youtube-Stars auf der Bühne gefeiert werden? Ist den ganz jungen Fans selbst das profanste Element am ganzen Aprilscherz, nämlich der historische Ursprung und Kontext des Wortspiels mit dem Nachnamen von David, dann überhaupt bewusst? Kinder, denen teils noch der nötige Geschichtsunterricht und somit der Kontext, gar Fähigkeit zur Differenzierung fehlt? Ich kann mich des Eindrucks nicht erwehren, dass hier offenbar sehr kurzsichtig gedacht wurde. Selbstverständlich kann man dann mit Jugendschutz argumentieren, und das wäre per Se nicht einmal falsch. Doch wir sprechen hier von zwei Hauptverantwortlichen, die Zeit ihres Lebens als Games Journalisten tätig waren und ziemlich genau wissen, dass Battlefield & Co mehr minderjährige Fans hat, als es haben dürfte.

Was bleibt, ist Kopfschütteln und Scham.

“Kurzsichtigkeit” scheint generell das passende Stichwort für diese ärgerliche Thematik und die zentralen Figuren zu sein. Langfristig ist bei Youtube schließlich nichts, womit zumindest die Hoffnung bleibt, dass Sieg Hain irgendwann wieder in Vergessenheit gerät. Bleibenden Schaden haben Siegismund und Hain allerdings schon jetzt hinterlassen, wie so manche Reaktion auf das Video – mehr oder weniger bewusst – beweist.

  1. [1]Aus rechtlichen Gründen dürfen keine Inhalte aus Facebook heraus kopiert werden, sonst hätte ich das gerne an dieser Stelle mit einem Screenshot dokumentiert.