American Football ist ein Phänomenen, dass ich nie richtig begriffen habe: Die in Amerika wohl so ziemlich populärste Sportart ist nicht nur nette Unterhaltung für ein für ein paar sportbegeisterte Enthusiasten, sondern eine Lebenseinstellung, die eine ganze Nation prägt. Vielleicht kann man Football einem ähnlichen Status zuordnen, den Fußball (also Soccer) hierzulande hat: Es schwingt eine gemeinschaftliche Begeisterung mit, die offenbar ein wenig in die Wiege gelegt wurde, der junge Menschen zu Träumen und alte zur Verzweiflung treibt. Auf die gute Art. Aber das ist nur eine Vermutung: Ballsportarten haben noch nie Reiz auf mich ausgeübt und ich stehe oft achselzuckend daneben, wenn hier in Dortmund beim Heimspiel die Fans um die Häuser ziehen. Ich gönne es ihnen, aber ich würde mich nie anstellen und bei der Parade mitmachen.

Warum schaue ich mir dann ausgerechnet Madden NFL 25 an? Aus einem einfachen Grund: Die Art und Weise, mit der EA über Jahre hinweg die Illusion einer TV-Übertragung erzeugt und verfeinert, wirkt irre faszinierend auf mich. Egal welches Sportspiel man aus dem umfangreichen Portfolio herauspickt: Mit einer richtigen Simulation, so aus der Ich-Perspektive, mit Schweißausbrüchen und sonstigen Unannehmlichkeiten bei zu großer Anstrengung, haben die allerwenigsten Sportspiele von EA etwas gemein. Stattdessen ahmen die Spiele die Ästhetik und vor allem die Atmosphäre einer Live-Übertragung nach, mitsamt Kommentatoren, Teleobjektiv, Wiederholungen und sogar Logo-Einblendungen bei Bildwechseln. Am weitesten entfernt sich sicher Tiger Woods davon, am ehesten dran sind eindeutig die FIFA-Spiele, und irgendwo dazwischen liegt Madden.

Strategisch sind irgendwo alle Sportarten, aber gerade beim American Football spielen etliche Faktoren eine Rolle. Welche Formation jeweils beim Wechselspiel von Defense und Offense gewählt werden soll, welcher Spieler mit welchen Fähigkeiten auf welchen Platz koordiniert werden soll und dann natürlich noch der Faktor des Momentum, wenn man mit dem Football zwischen zahlreichen breiten Schultern hindurch navigieren möchte: Madden kann für Einsteiger erst einmal überfordernd sein und auch ich saß zunächst wie der Ochs vor dem Berg und bin mit den krassesten Bodychecks gescheitert. Da hilft mir der gigantische Umfang auch nicht: In einem Manager-Modus kann nicht nur die Spieler, sondern auch den Couch oder den Teambesitzer spielen. Bei den Möglichkeiten das Stadion auszubauen, die Preise für das Essen dort festzulegen oder das Team an einen anderen Ort umziehen zu lassen war ich zunächst verwirrt. Dazu noch unzählige lizensierte Spieler und Mannschaften mit unterschiedlichen Attributen. Ganz ehrlich: Ich hatte keine Ahnung, was ich zunächst auswählen sollte. Den geneigten Football-Fan wird dies wahrlich freuen.

Aber ich bin am Ball geblieben. Wortwörtlich. An den Online-Modus habe ich mich zunächst nicht herangetraut, aber an einem langem Nachmittag probierte ich diverse Optionen auf dem Feld aus und brachte mir sozusagen die Regeln dieses Sports selbst bei. Und nach einer Zeit ging das Handling gut von der Hand: Tacking macht selbst nach Stunden noch einen Heidenspaß, die Running Backs steuern sich schön agil; der konzentrierte, kleine Moment vor dem nächsten Spielzug, bei dem alle Spieler auf dem Feld erstarren, kribbelt jedes Mal und die Landung eines Touchdowns lässt mich immer wieder die Siegerfaust machen. Denn man freut sich über jeden erkämpften Yard auf dem Feld. Oder schämt sich etwas, wenn der Couch am Spielrand nur deprimiert den Kopf schüttelt. Ein Highlight sind selbstverständlich wuchtigen Zusammenstöße der Spieler: Zwar macht die Physik mit den Sportlern in seltenen Fällen seltsame, fast schon slapstickartige Bewegungen, in den meisten Fällen reizen die Kollisionen, Hechtsprünge und Griffe aber vor allem in der Wiederholung sehr meine Schadenfreude. Das sieht oft schmerzhaft aus. Aber gleichzeitig auch irgendwie sehr lustig. Kicher.

Keine Ahnung ob ich jetzt so langsam zum Football-Fan mutiere, aber Madden NFL 25 hat mir deutlich mehr Spaß bereitet als erwartet. Ich wollte eigentlich nur sehen, wie weit Sportspiele in Sachen Präsentation gekommen sind und habe doch mehr Stunden investiert als vorhergesehen. Schlussendlich habe ich mich stark genug gefühlt, um den Online-Modus auszuprobieren. Und habe ordentlich auf den Sack bekommen. Pfft. Naja. American Football bleibt also doch letztendlich ein Phänomenen, dass ich nie richtig begreifen werde.

Madden NFL 25
Wenn ein Sportspiel unheimlich Spaß macht, obwohl man nicht den blassesten Schimmer von der Sportart, gar der Kultur drumherum hat, ist von einem gutem Titel auszugehen. Madden 25 vermittelt Flair und weckt die Neugier für einen Unbedarften wie mich. Nur die etwas biedere Aufmachung, die sich alle EA-Sportspiele teilen, rockt mich nicht so sehr. Trotzdem toll.
7Gesamtwertung